

1. Gott ist wie eine Mutter, die ihre ungeschickten Kinder tröstet
Ich erinnere mich an ein schlimmes Missgeschick am Geburtstag meiner Mutter. Ich war damals etwa zehn Jahre alt. Mein Vater hatte eine Sammeltasse besorgt, ein Gedeck aus feinem weißen Porzellan, mit breitem Goldrand - damals, als wir kaum Geld hatten und es wenig zu kaufen gab, eine Kostbarkeit. Wir Kinder, ich habe noch drei Geschwister, gaben ein paar Pfennige von unserem Taschengeld und durften diese Tasse als unser Geschenk überreichen.
Der Geburtstag kam, wir wickelten Tasse, Untertasse und Kuchenteller aus vielen Lagen grauem Seidenpapier, wischten allen Staub ab, bildeten eine kleine Prozession, mein Bruder, ein Jahr älter als ich, voran mit dem teuren Porzellan in den Händen. [Vater folgte lächelnd hinterdrein. Unsere Mutter war ganz gerührt, als sie uns so kommen sah.]
Mein Bruder hatte die Mutter fast erreicht, hob bereits die Hände, um das Geschenk zu übergeben, als er stolperte, die Tasse rutschte von den Tellern, fiel zu Boden und zerbrach. Da standen wir um die Scherben herum, und aus den Augen quollen die Tränen. Auch unsere Mutter weinte. Sie hockte sich neben uns Kinder und tröstete jeden von uns. Ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat, ich weiß nur noch, wie gut es tat, ihre Nähe zu spüren, ihre Stimme zu hören und zu wissen, dass ihre Liebe unser Versagen zudeckt.
Liebe Leserinnen und Leser, diese Erfahrung aus meiner Kindheit hilft mir zu verstehen, wie Gott ist. Er ist wie eine Mutter, die uns liebt, auch wenn wir nur Scherben bringen. Sie, die den Schaden hat, tröstet uns, die wir ihn angerichtet haben.
Bernhard Oestreich
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